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Elternbesuche

Seitdem ich vor einiger Zeit meine eigene Wohnung bezogen habe, werde ich in etwa halbjährlichen Intervallen von großem Unheil heimgesucht:  Meinen Eltern.

Jeder kurzfristig angekündigte Elternbesuch geht stets mit enormem Unbehagen meinerseits einher, da eine ausführliche Grundreinigung meiner Wohnung urplötzlich erforderlich scheint. So widme  ich mich zunächst der prioritär wichtigsten Aufgabe: Der Vernichtung von „Beweismaterial“ und begebe mich auf den Balkon. Da steht er nun vor mir, der Bierkastenthron,  den ich aus 16 Bierkästen geformt habe und der mit Arm- und Rückenlehnen jeglichen Ansprüchen des Komforts gerecht wird und das Zentrum meines bisher biederen Balkons bildetet. Doch nun muss das dekorative Pfandgut verschwinden und so stapele ich die Kästen in einen Einkaufswagen, den ich einst beim Aldi gegenüber entwendete (oder eher für einen Euro erwarb), um meinen betrunkenen Mitbewohner nach durchzechter Nacht nach Hause zu transportieren und der jeher als Wäschekorb zweckentfremdet wurde. Vor dem Pfandautomaten im Supermarkt angekommen, bemerke ich hinter mir ein wartendes Ehepaar mittleren Alters. „Bestimmt auch Eltern, die sich anmaßen, ein kurzfristig angekündigtes Besuchsattentat auszuüben“, mutmaße ich und schiebe genüsslich alle 320 Pfandflaschen einzeln in den Automaten. Mit dem Pfandgeld erwerbe ich essentielles Werkzeug, das später die höhlenmalereiartige Sangria-Kotze von meiner Wand kratzen soll.

Wieder in meiner Wohnung angekommen, setze ich die Aufräumarbeit fort und entdecke dabei einen längst verschollen geglaubten Bekannten: Mein Haustier. Tatsächlich handelt es sich bei besagtem Haustier um einen abgenagten Apfel, den ich einst zu entsorgen vergaß und der nach einiger Zeit von weißem Pelz ummantelt war. Mit seinem Pelz wuchs auch meine Zuneigung und so taufte ich ihn auf den Namen „ALF“ (Apfel-archaische Lebensform). Der fungale Pelz jedoch wuchs stetig weiter und färbte sich zunehmend gräulich, weswegen ich ALF liebevoll den Spitznamen „Gandalf“ gab. Der Graue.

Doch nun musste auch Gandalf verschwinden und so versenke ich ihn in den Müllminen Moria’s, weine ihm eine Träne nach und widme mich dann dem dreckigen Geschirr, welches sich seit längerem in der Küche auftürmt und durch faulheitsbedingte Neueinkäufe bei „Poco“, „Butler’s“ und „nanu nana“ stetig aufgestockt wurde. Aus Platzgründen stapel ich dies zum Einweichen in die Badewanne, wo es nun volle 3 Tage und Nächte in einem Cocktail aus Spülmittel, Alkohol und Salpetersäure verbleiben soll. Duschen wird hier sobald keiner mehr. Um mein situatives Dusch-Defizit auszugleichen, benutze ich das Badezimmer der netten Nachbarinnen von gegenüber, in ihrer penibel polierten, penetrant parfümierten und praktisch persönlichkeitslosen Wohnung.                Frauen-WG… Pffff

Erleichtert und erschöpft zugleich stelle ich fest, meine Aufräumarbeiten endlich vollendet und diese ursprünglich unbegehbare Vortex der Entropie in ein einladend-elternfreundliches Zuhause verwandelt zu haben. Doch kaum habe ich meine Wohnung fertig maskiert, parfümiert und logistisch umstrukturiert, drängt unweigerlich folgende Frage zutage:

Warum gewähren wir unserem Erzeugerpärchen eigentlich nicht einmal unverfälschten Einblick in den chaotischen Kosmos unseres 2-Zimmer-Universums, präsentieren ihnen nicht voller Stolz, in welchen Haushalten wir es aushalten und dass wir uns zu Gestalten entfalten, die sich nicht schämen, wenn sie sich daneben benehmen, noch Kind sind und nach dem Pinkeln nicht spülen – Und sich trotzdem wohl dabei fühlen?

Ganz einfach: Weil wir die gleiche Erwartungshaltung an die Wohngestaltung unserer Alten halten. Denn mal ehrlich:

Wer möchte schon in ein Elternhaus zurückkehren, in dem Speisereste Namen haben? 

13.1.11 18:12
 


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