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Bahnhofsgefühle

Bahnhöfe haben zweifelsfrei eine gewisse Romantik an sich: Pärchen mit feuchten Augen, die sich vor Wiedersehensfreude in die Arme fallen, oder sich mit noch feuchteren Augen voneinander verabschieden. Familien mit Koffern beladen, die sich freudig erregt auf dem Weg in den Urlaub befinden, oder frustriert vom familiären Beisammensein zurückkehren. Menschen, die mit Aktenkoffer und Tageszeitung gerüstet den Bahnsteig entlang hasten, während sich andere entspannt mit einer Zigarette in der einen Hand und einem Kaffeebecher in der anderen auf der Bank sitzend keiner Hektik aussetzen, nur um einen Sitzplatz in dem ohnehin überfüllten Zug zu ergattern.                            Und mittendrin Menschen wie ich, die sich in Gedanken auf die Gleise begeben und sich im Regen dem vorbeifahrenden Güterzug entgegen neigen.                                                                                                                    In Gedanken nur. Und dabei belasse ich es für heute.

Als ich mich in den Zug begebe und mich zu dem restlichen gesellschaftlichen Mittelmaß des zweite-Klasse-Abteils geselle, komme ich nicht umhin, mich zu ärgern. Je genauer ich meine Mitmenschen beobachte, desto beneidenswert fremdartiger erscheinen sie mir: Das junge Paar, das ungehemmt Speichel austauscht. Die hässliche Frau, die neben ihrem noch hässlicheren Ehegatten sitzend ihr Glück gefunden zu haben glaubt. Die penetrant parfümierte Rentnerin, die in einen Schleier aus Ethanol und Lavendel gehüllt ihre Mitmenschen mit ihrer altersbedingt abnehmenden olfaktorischen Wahrnehmung straft. Die aufgewühlten Kinder, die sich scheinbar im Wettbewerb gegenseitig Stifte ins Haar stecken und augenscheinlich noch nicht den Ernst des Lebens begriffen haben. Mit all diesen Menschen würde ich gern tauschen. Sein wie sie. Fühlen wie sie. Ihnen nicht mehr ebenso fremdartig erscheinen, wie sie mir.       Doch ich bin nicht wie sie. Ich fühle mich zu höherem berufen, denn in kleinen Schritten werde ich die Welt verändern, Spuren hinterlassen, mir Daseinsberechtigung im gesellschaftlichen Gefüge und einen Platz in den Herzen meiner Mitmenschen verdienen. Ich werde Geschichte schreiben.              Koste es, was es wolle.

13.1.11 18:23


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Das Boot

Ein leeres Boot treibt zügig
vom Berg ins Tal hinab,
zeigt sich dem Strom gefügig
und gleitet stets bergab.

Das Wasser scheint zu toben
und fällt dann plötzlich ab.
Das Boot stürzt von hoch oben
den Wasserfall herab.

Zerbrochen sind die Planken,
als wären sie aus Glas.
Ich sollte dafür danken,
dass ich nicht darin saß.
13.1.11 18:20


Zoobesuch

Die folgende Anekdote aus meinem reichhaltigen Schaffen beschreibt, wie ich einmal einen Zoo besucht habe, ohne in den Zoo gegangen zu sein – den Berliner Bahnhof Zoo.

Da bei jedem Zoobesuch stets der Affenkäfig die Spitze meiner Präferenzliste anführt, steige ich zuerst in die U-Bahn und beobachte anthropomorphisierte Primaten dabei, wie sie sich an der kletterstangengleichen Reling  von Haltegriff zu Haltegriff schwingen und durch nahezu animalische Laute morgendlicher Berliner-Grantigkeit miteinander zu kommunizieren versuchen.  Hier verweile ich einen Moment und beobachte das wilde Gekeile um die Sitzplätze, steige dann aus, verlasse den Bahnhof und komme vor einer Kneipe zum Stehen. Ich betrachte das Hirschkopfsymbol auf dem über der Tür befestigten Schild und vernehme aus dem Inneren das laute Röhren brünftiger Elche. Ich muss am Wildgehege angekommen sein. So betrete ich die Bar und bin ganz vom wilden Treiben der zotteligen Kreaturen fasziniert, die sich darin aufhalten und komme auch nicht umhin, über die Ironie zu schmunzeln, als eines dieser Wesen einen „Jägermeister“ in seinem Rachen versenkt. Als nächstes Ziel habe ich das Fitnessstudio ins Auge gefasst. Der mir dort entgegenschlagende Gestank, sowie das Logo vieler Sportbekleidungsartikel weisen mich darauf hin, mich nun im Pumakäfig zu befinden. Im Kampf ums Überleben scheint hier die hierarchische Grundordnung des Stärkeren stark ausgeprägt, denn ich kann beobachten, wie drei Trainer in Pumatrikots ein fettes Nilpferd umzingeln und übers endlose Laufband hetzen, bis es vor Erschöpfung zusammenbricht. Mittlerweile ist draußen die Sonne untergegangen und erst jetzt scheint der Zoo zum Leben zu erwachen. So setze ich meine Stadtsafari fort und betrete einen Club. Im Inneren angekommen erfreue ich mich zunächst der vogelpavillonartigen Architektur und beobachte anschließend völlig fasziniert das Balzverhalten der darin befindlichen Weibchen, die ihren aufgeplusterten männlichen Artgenossen ins Ohr zwitschern. Gesprächsfetzen entnehme  ich, dass hier alles aufs „Vögeln“ hinauszulaufen scheint. Mittlerweile fühle ich mich aber erschöpft, begebe mich auf den Rückweg und steige in den nächstmöglichen Bus. Dabei komme ich nicht umhin, das knutschende Pärchen auf der hintersten Bank zu bemerken und beobachte, wie ihre jeweiligen Zungenlappen klebrig aufeinander klappen und dabei zusammen pappen, wie zwei große Kaulquappen, oder eher noch Aale, die in einen reißenden Strom geraten und sich im maritimen Speichelmeer ineinander verknoten. Angewidert vom Aalcatchen und der alten Dame, die auf dem Sitzplatz neben mir heftig vor sich hinottert , entschließe ich mich auszusteigen. Ziellos gehe ich nun die nahezu leere Straße entlang und komme vor der vielfältig beschrifteten Skulptur eines Berliner Bären zum Stehen.

Ich lese die mit schwarzem Edding draufgekrakelte Zeile „Berlin ist ein Zoo!“ und muss lächeln.

13.1.11 18:19


Elternbesuche

Seitdem ich vor einiger Zeit meine eigene Wohnung bezogen habe, werde ich in etwa halbjährlichen Intervallen von großem Unheil heimgesucht:  Meinen Eltern.

Jeder kurzfristig angekündigte Elternbesuch geht stets mit enormem Unbehagen meinerseits einher, da eine ausführliche Grundreinigung meiner Wohnung urplötzlich erforderlich scheint. So widme  ich mich zunächst der prioritär wichtigsten Aufgabe: Der Vernichtung von „Beweismaterial“ und begebe mich auf den Balkon. Da steht er nun vor mir, der Bierkastenthron,  den ich aus 16 Bierkästen geformt habe und der mit Arm- und Rückenlehnen jeglichen Ansprüchen des Komforts gerecht wird und das Zentrum meines bisher biederen Balkons bildetet. Doch nun muss das dekorative Pfandgut verschwinden und so stapele ich die Kästen in einen Einkaufswagen, den ich einst beim Aldi gegenüber entwendete (oder eher für einen Euro erwarb), um meinen betrunkenen Mitbewohner nach durchzechter Nacht nach Hause zu transportieren und der jeher als Wäschekorb zweckentfremdet wurde. Vor dem Pfandautomaten im Supermarkt angekommen, bemerke ich hinter mir ein wartendes Ehepaar mittleren Alters. „Bestimmt auch Eltern, die sich anmaßen, ein kurzfristig angekündigtes Besuchsattentat auszuüben“, mutmaße ich und schiebe genüsslich alle 320 Pfandflaschen einzeln in den Automaten. Mit dem Pfandgeld erwerbe ich essentielles Werkzeug, das später die höhlenmalereiartige Sangria-Kotze von meiner Wand kratzen soll.

Wieder in meiner Wohnung angekommen, setze ich die Aufräumarbeit fort und entdecke dabei einen längst verschollen geglaubten Bekannten: Mein Haustier. Tatsächlich handelt es sich bei besagtem Haustier um einen abgenagten Apfel, den ich einst zu entsorgen vergaß und der nach einiger Zeit von weißem Pelz ummantelt war. Mit seinem Pelz wuchs auch meine Zuneigung und so taufte ich ihn auf den Namen „ALF“ (Apfel-archaische Lebensform). Der fungale Pelz jedoch wuchs stetig weiter und färbte sich zunehmend gräulich, weswegen ich ALF liebevoll den Spitznamen „Gandalf“ gab. Der Graue.

Doch nun musste auch Gandalf verschwinden und so versenke ich ihn in den Müllminen Moria’s, weine ihm eine Träne nach und widme mich dann dem dreckigen Geschirr, welches sich seit längerem in der Küche auftürmt und durch faulheitsbedingte Neueinkäufe bei „Poco“, „Butler’s“ und „nanu nana“ stetig aufgestockt wurde. Aus Platzgründen stapel ich dies zum Einweichen in die Badewanne, wo es nun volle 3 Tage und Nächte in einem Cocktail aus Spülmittel, Alkohol und Salpetersäure verbleiben soll. Duschen wird hier sobald keiner mehr. Um mein situatives Dusch-Defizit auszugleichen, benutze ich das Badezimmer der netten Nachbarinnen von gegenüber, in ihrer penibel polierten, penetrant parfümierten und praktisch persönlichkeitslosen Wohnung.                Frauen-WG… Pffff

Erleichtert und erschöpft zugleich stelle ich fest, meine Aufräumarbeiten endlich vollendet und diese ursprünglich unbegehbare Vortex der Entropie in ein einladend-elternfreundliches Zuhause verwandelt zu haben. Doch kaum habe ich meine Wohnung fertig maskiert, parfümiert und logistisch umstrukturiert, drängt unweigerlich folgende Frage zutage:

Warum gewähren wir unserem Erzeugerpärchen eigentlich nicht einmal unverfälschten Einblick in den chaotischen Kosmos unseres 2-Zimmer-Universums, präsentieren ihnen nicht voller Stolz, in welchen Haushalten wir es aushalten und dass wir uns zu Gestalten entfalten, die sich nicht schämen, wenn sie sich daneben benehmen, noch Kind sind und nach dem Pinkeln nicht spülen – Und sich trotzdem wohl dabei fühlen?

Ganz einfach: Weil wir die gleiche Erwartungshaltung an die Wohngestaltung unserer Alten halten. Denn mal ehrlich:

Wer möchte schon in ein Elternhaus zurückkehren, in dem Speisereste Namen haben? 

13.1.11 18:12





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